Rettungsboot des Arbeitsmarktes

Dr. Susanne Kohlmeyer rückt für Wolfgang Terwey in Leitung der Arbeitslosenselbsthilfe

 

G ü t e r s l o h (WB). Die Werkvertragsarbeiter und ihre Angehörigen sind ein wichtiges Anliegen, doch stellen sie nur
einen Teil der viel größeren, arbeitsmarktpolitischen Herausforderung dar. »Wir müssen aufpassen, dass uns nicht der
gesamte Niedriglohnsektor um die Ohren fliegt«, sagt Dr. Susanne Kohlmeyer, die neue Geschäftsführerin der Arbeitslosenselbsthilfe gGmbH (ash).


Mit ihrer Warnung lenkt Kohl-meyer (52) den Blick auf die Digitalisierung im Verarbeitenden Gewerbe: »Mit der Industrie 4.0 werden sämtliche Hilfsarbeiten wegfallen. Und ein paar heute noch selbstverständliche Tätigkeiten ebenfalls.« Die Berufung Kohlmeyers auf die Geschäftsführerposition bei der »ash« bedeutet den Abschied von Wolfgang Terwey (64), der die Arbeitslosenselbsthilfe vor 34 Jahren mit gegründet hat. Terwey hat seine Nachfolgerin seit einem Jahr auf diesen Tag vorbereitet. Kohlmeyer wird die gemeinnützige GmbH bis Mitte 2021 gemeinsam mit Jürgen Delker und Angelika Grahl leiten und anschließend die komplette Verantwortung für die gut 100 Mitarbeiter zählende Firma allein übernehmen. Ein Psychologie und Jurastudium, die Erziehung von vier Kindern und kommunal-politische Vernetzung durch Mitarbeit im Gütersloher Rat und als SPD-Landtagskandidatin verschaffen ihr das Rüstzeug. Arbeitslose ergreifen selbst die Initiative und versuchen, zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu kehren.
Der Gründungsgeist von 1985 zählt auch heute noch«, sagt Jürgen Delker. Doch aus der Sperrmüll sammelnden und aufbereitenden Gruppe an der Weberei ist inzwischen ein Anbieter von Bildung, Berufsorientierung, Berufsberatung, Qualifizierung und Beschäftigung mit einem weitläufigen Stammsitz an der Vollrath-Müller-Straße geworden.
Arbeitsagentur und Jobcenter überlassen der ash pro Jahr gut 2700 Teilnehmer von Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Die ash ermittelt die Talentpotenziale von Achtklässlern, hilft orientierungslosen
Schulab-solventen bei der Berufswahl, springt allein erziehenden Müttern zu Hilfe, die in einen Beruf zurückkehren möchten und Langzeitarbeitslosen, die erst einmal wieder Struktur in ihrem Alltag benötigen. Kohlmeyer: »Aus dem Teilnehmerspektrum der vergangenen Jahre ist ablesbar, dass immer mehr gesundheitlich gehandicapte Menschen unsere Hilfe brauchen, um im Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können.«
In der Konsequenz und aus dem schrumpfenden Niedriglohnsektor ergeben sich die Aufgabenschwerpunkte der kommenden Jahre. Kohlmeyer: »Wir werden das Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramm weiter ausbauen.«

 Von Stephan Rechlin | Westfalenblatt

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