„Arbeitslos, aber nicht wehrlos“ – Unser 40-jähriges Jubiläum im Tafelfunk-Interview
- 14. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Anlässlich unseres 40-jährigen Bestehens sendet der „Tafelfunk“ der Gütersloher Tafel e.V. ein ausführliches Interview mit Dr. Susanne Kohlmeyer, Geschäftsführerin der ash Gütersloh gGmbH, der Tochter des Vereins. Die Bürgerfunksendung läuft am Mittwoch, 19.08.2026, um 20:05 Uhr auf Radio Gütersloh. Das Gespräch verbindet einen Rückblick auf vier Jahrzehnte unserer Vereinsgeschichte mit einer Einschätzung zur aktuellen Lage auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt.
Von der Initiative zum zertifizierten Bildungsträger
Unsere Wurzeln reichen 42 Jahre zurück: Was als Initiative begann, wurde 1986 als Arbeitslosenselbsthilfe e.V. formal gegründet. Unter dem Motto „arbeitslos, aber nicht wehrlos“ ging es von Anfang an darum, über Beschäftigungsprojekte Teilhabe zu ermöglichen und Potenziale zu entfalten. „Diesen Auftrag nehmen wir bis heute sehr ernst“, betont Susanne Kohlmeyer im Interview.
Auch unsere Wurzeln in der Weberei sind geblieben: Nachhaltigkeit und Wiederverwendung prägen unsere Arbeit – nicht nur in unseren drei Kaufhäusern. Heute gestalten wir mit 115 festangestellten Mitarbeitenden – darunter Sozialpädagog:innen, Lehrkräfte, Handwerksmeister:innen und Psycholog:innen – rund 30 Projekte in den Bereichen Bildung, Beratung und Beschäftigung: von der Berufsorientierung über Ausbildung bis zu Beschäftigungsangeboten für Langzeiterwerbslose. Als zertifizierter Bildungsträger werden wir jährlich auditiert.
Politische Einmischung gehört seit jeher zu unserem Selbstverständnis: In der Armutskonferenz Gütersloh sowie in zahlreichen Gremien, Arbeitsgemeinschaften und Initiativen geben wir Menschen ohne Teilhabe eine Stimme.
Arbeit ist mehr als Geldverdienen
Im Interview ordnet Susanne Kohlmeyer, promovierte Psychologin und seit 2019 unsere Geschäftsführerin, die gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit und Ausbildung ein:
„Erwerbstätigkeit ist einer der stärksten Faktoren für psychische Gesundheit, soziale Einbindung und das Gefühl, dazuzugehören.“
Untersuchungen etwa des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen dies immer wieder. Umgekehrt erhöhe Langzeitarbeitslosigkeit das Risiko für Depression, soziale Isolation und gesellschaftliche Radikalisierung.
Unser Ansatz setzt daher bei den Stärken an:
„Wir schauen nicht zuerst auf das, was jemand nicht kann oder nicht hat. Wir schauen, was da ist.“
Konkret bedeutet das: individuelle Beratung, praxisnahe Qualifizierung, Berufsorientierung, Bewerbungstraining und die Vermittlung digitaler Kompetenzen – begleitet auf Augenhöhe.
Paradox am Ausbildungsmarkt
Deutlich wird Susanne Kohlmeyer bei den aktuellen Entwicklungen: Jedes Jahr bleiben laut Berufsbildungsbericht Zehntausende Ausbildungsplätze unbesetzt, während rund 45.000 bis 50.000 junge Menschen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen.
„Das sind Menschen mit Potenzial – aber ohne Zugang.“
Investitionen in ein besseres Matching von Potenzial und Anforderungen würden sich langfristig amortisieren. Sorge bereitet ihr die wachsende Chancenungleichheit: Kinder aus einkommensschwachen Familien, mit Migrationsgeschichte oder aus belasteten Verhältnissen hätten statistisch deutlich schlechtere Startchancen.
„Wenn wir da nicht gegensteuern, verlieren wir nicht nur wertvolle Fachkräfte. Wir verlieren auch gesellschaftlichen Zusammenhalt.“
Kürzungen bei Mitteln für Integration und Teilhabe hält sie vor diesem Hintergrund für kurzsichtig. Zuversichtlich stimmt sie das Engagement vieler Akteure in Gütersloh, zu denen auch wir zählen.
Musik und Literatur mit Haltung
Die Musikauswahl des Interviews unterstreicht unsere inhaltliche Linie: „Ernten was wir säen“ von Die Fantastischen Vier, „Born in the U.S.A.“ von Bruce Springsteen und „Baggerführer Willibald“ von Dieter Süverkrüp – drei Titel über Verantwortung, soziale Kälte und die Veränderbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse. Dazu liest Susanne Kohlmeyer Christian Morgensterns Gedicht „An den Andern“, das Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe zum Thema hat.
Jubiläumsfest am 12. September 2026
Das Interview ist der Auftakt zu unserem Jubiläumsjahr. Am Samstag, 12. September 2026, von 10:00 bis 14:00 Uhr laden wir zum Open House in die Vollrath-Müller-Straße 3–13, 33330 Gütersloh ein. Geboten werden:
✅ Offene Türen
✅ Führungen durch Haus und Geschichte
✅ Mitmach-Angebote
✅ Gespräche und Erfolgsgeschichten
Um Anmeldung wird gebeten unter: jubilaeum@ash-gt.de




